Leadership auf Zeit

Commitment ist kein Nice-to-have

Viele Transformationsstrategien scheitern nicht an der Idee, sondern an der fehlenden inneren Überzeugung jener, die sie umsetzen sollen. Stefan Ludewig, Interim Manager und DSIM-Mitglied,  resümiert: Genau hier müssen Geschäftsleitung und Verwaltungsrat genauer hinschauen. Commitment wird zum entscheidenden Engpass. Essentielle Aufgabe auch im Interim Management.

Transformation, die spürbar ist

Jede Transformation startet mit einer starken Strategie und Motivation. Doch viele enden dort, wo sie eigentlich beginnen müssten: beim Menschen. Ohne Begeisterung, ohne geteiltes Zukunftsbild, ohne echtes Commitment bleibt selbst die beste Strategie Papier.

Unternehmen investieren enorme Energie in zukunftsgerichtete Konzepte und unterschätzen dann die Wirkung der eigenen Führung. Trägt das Management die Strategie nicht sichtbar mit, fehlen Zuversicht, Optimismus und Zutrauen ins Zielbild. Das ist der Beginn einer schleichenden Erosion: Mitarbeitende spüren jeden Zweifel. Verstellen funktioniert nicht dauerhaft.

Commitment ist Führungsarbeit

In Transformationsprojekten von Konsumgütern über Technologie bis Logistik habe ich wiederholt erlebt, wie gute Strategien ins Stocken gerieten, weil Commitment zu spät oder gar nicht geprüft wurde. Führung und Verwaltungsrat unterschätzen häufig, wie deutlich innere Überzeugung oder Zweifel im Alltag wirken. Ein einziges nicht gefestigtes Teammitglied kann ganze Bereiche beeinflussen.

In einem Restrukturierungsprojekt hätte ich zwei Kollegen viel früher die zentrale Frage stellen müssen: „Unter welchen Voraussetzungen habe ich dein volles Commitment?“ Ich führte das Gespräch zu spät. Der negative Einfluss auf andere war spürbar, verlangte Extrarunden und führte letztlich auch zu personellen Konsequenzen. Manchmal gehört es dazu, Mitarbeitende aus Projekten auszuschliessen, wenn sie Massnahmen auch nach langen Diskussionen nicht zu „ihren“ machen können. Zum Wohl des Unternehmens braucht es dann klare Konsequenz weil sich das Spielfeld verändert hat.

Zukunftsbild: geteilt, nicht nur präsentiert

Eine Szene ist mir bis heute präsent: Jahreskonferenz von AMC International mit über 25 Landesgesellschaften in Brunnen am Vierwaldstättersee. Ein Kollege ging ans Rednerpult, begleitet von den Worten unseres CEOs: „Aber bloß nicht wieder die bunten Bildchen.“ Hart – aber wahr. Nicht die Folien richten es, wenn wir nicht selbst das Bild sind.

Präsentation und Hochglanzbroschüre schaffen Klarheit, aber noch keine Energie. Menschen folgen keiner Folie. Sie folgen einem Zukunftsbild, das sie innerlich sehen. In meinen Mandaten lag der Wendepunkt immer dann, wenn das Zukunftsbild im Management emotional verankert war: der Moment, in dem jeder seinen Platz und seine Rolle im Unternehmen der Zukunft erkennt. Es hilft, Führungskräfte und auch Kolleginnen und Kollegen ohne disziplinarische Verantwortung aktiv einzubinden. Als Wertschätzung und um Verständnis sicherzustellen.

Was passiert, wenn nicht?

Viele Unternehmen glauben, man könne Andersdenkende „beruhigen“ oder „neutralisieren“. Das ist oft ein gefährlicher Irrtum. Für dauerhaft Skeptische gibt es meist zwei Wege: den Nörgler („Ich habe es ja gewusst“) oder den Stillen mit innerer Kündigung. Und wenn weder das eine noch das andere offen sichtbar ist, entsteht langsam ein Fremdkörper in der künftigen Mannschaft.

Eine robuste Transformationsstrategie braucht deshalb eine explizite Kommunikationsstrategie: einbindend, dialogorientiert, transparent und vor allem regelmässig. Gerade zu Beginn ist das entscheidend, damit sich das Alte nicht schnell wieder manifestiert. In einem globalen Turnaround gelang der Durchbruch erst, als wir skeptische Stimmen aktiv einluden, statt sie zu ignorieren. Viele Widerstände lösten sich, weil Dinge endlich verstanden wurden. Und ja: Es gehörte auch dazu, jene ziehen zu lassen, die den Weg nicht mitgehen konnten.

Henry Ford sagte: „Ob du glaubst, du kannst es, oder ob du glaubst, du kannst es nicht – du hast recht.“ Glaube allein versetzt keine Berge. Aber ohne ihn bewegt sich kein Team auch nur einen Meter.

Fazit

Nach der Strategieentwicklung ist höchstens ein Drittel des Weges geschafft. Der bedeutendere Teil beginnt erst, wenn Führungskräfte ihr inneres Feuer weitergeben, das Zukunftsbild mittragen und andere dafür gewinnen. Commitment ist kein Nice-to-have, sondern der Kern der Transformation. Wer es früh prüft und aktiv fördert, schafft Stabilität und Tempo zugleich.


Stefan Ludewig

Stefan Ludewig

Dipl. Oec. Math.

Transformation - Chancen erkennen - Raus aus der Komfortzone

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